Herr Wahlers steigt um

Verkehrswende

Herr Wahlers steigt um

Ob die Verkehrswende gelingt, hängt von den Autokäufern ab. Was überzeugt sie?

Aus DIE ZEIT NR. 50/2017 vom 4. Dezember 2017
Von Dietmar H. Lamparter

An einem Freitag im Oktober klingelt bei Claus Wahlers im heimischen Bülstedt um halb sechs der Wecker. Die 800-Seelen-Gemeinde liegt im Kreis Rotenburg/Wümme, hoch in Deutschlands Norden auf dem platten Land der Moore, irgendwo zwischen Bremen und Hamburg. Das Sturmtief Herwart ist im Anzug. Doch Claus Wahlers sollen weder Wind noch Wetter aufhalten. Er hat ein Ziel: Er will mit dem Zug ins gut 500 Kilometer entfernte Dresden. Dort wartet sein nagelneuer E-Golf, der mit einer Batterieladung 300 Kilometer weit fahren kann.

Elektroautos [http://www.zeit.de/thema/elektroauto] hatten es auch 2017 lange schwer bei Deutschlands Autokäufern. Monat für Monat die gleiche traurige Statistik: Nicht mal einer von 100 Neuwagenkäufern entschied sich für einen Stromer. Die Gründe sind bekannt: zu teuer, zu wenige öffentliche Ladestationen. Und dann die "Reichweitenangst"! Sie beschreibt die Sorge, auf dem platten Land fernab der Ladetanksäulen mangels Energie liegen zu bleiben.

Anfang Juli lobten Autobauer und Politik eine Kaufprämie von 4.000 Euro für lokal emissionsfreie Elektro-Pkw aus. Der Effekt war gleich null.

Doch 2017 war auch das Jahr alter und neuer Dieselskandale. Dieselmotoren stoßen gerade bei kalten Temperaturen besonders viele giftige
Stickoxide aus. Nicht nur VW hatte offenbar die Kunden getäuscht, eine ganze Industrie geriet unter Verdacht. Hinzu kamen drohende Fahrverbote in von Stickoxiden und Feinstaub geplagten Großstädten. Die Preise für gebrauchte Diesel bröckelten, die Neuzulassungen brachen ein. Plötzlich war im Autoland Deutschland die Rede vom baldigen Ende des Verbrennungsmotors.

Anfang August sollte ein "Dieselgipfel" von Industrie und Regierung die Krise entschärfen. Die Autobauer versprachen: Wer seinen dreckigen alten Diesel gegen einen sauberen Neuwagen tauscht, wird belohnt: mit einer "Umweltprämie" oder einer "Zukunftsprämie". Am Ende aber hängt alles daran, ob die Käufer diese Verkehrswende mitmachen.

Claus Wahlers fährt seit 17 Jahren einen Diesel. Auf ein Auto zu verzichten ist keine Option. "Es gibt kaum öffentliche Verkehrsmittel in Bülstedt", sagt Wahlers. Sein Arbeitsplatz liegt in Visselhövede, fast 50 Kilometer von seinem Wohnort entfernt. Gut 20.000 Kilometer im Jahr kommen so zusammen. Leute wie Wahlers entscheiden darüber, ob das E-Auto trotz aller Bemühungen ein Nischenfahrzeug bleibt. Was also hat ihn umgestimmt?

"Natürlich habe ich die Diskussionen um den Diesel verfolgt", sagt Claus Wahlers im IC von Bremen nach Leipzig. Wahlers, schwarz-grauer Pulli, schwarze Jeans, dunkelrandige Brille, erzählt jetzt von seinem Weg zum Stromer. Der 61-Jährige ist seit mehr als 30 Jahren als Diakon in der Jugendarbeit tätig. Auf den ersten Blick ist er ein unwahrscheinlicher E-Auto-Käufer: Schließlich ist ein Fahrverbot für seinen Diesel auf dem platten Land nicht zu befürchten. Und öffentliche Ladestationen sind dort sogar noch rarer als in den Metropolen.

Aber Wahlers sei von Technik begeistert, erzählt er, bastelte schon als Schüler auf dem elterlichen Bauernhof am Trecker herum. "Ich habe schon länger darüber nachgedacht, dass die Verbrennung fossiler Kraftstoffe im Auto eine Verschwendung ist. Da werden nur 28 Prozent der Energie genutzt." Auch darum habe er fpür die Elektromobilität viel übrig. "Trotzdem, bei so einer teuren Anschaffung muss alles stimmen."

Sein Diesel tat lange Jahre gute Dienste. "Das hohe Drehmoment", die Durchzugskraft also, sei ideal für Transporte mit Anhänger beim Umbau des elterlichen Hofs gewesen. Und der niedrige Verbrauch! 450.000 Kilometer hat der VW Passat, Baujahr 2000, auf dem Buckel. Wahlers hatte schon einmal ein E-Auto geleast, das hatte aber eine so geringe Reichweite, dass er nicht auf den Diesel verzichten konnte. Jetzt aber wird er der Neuanschaffung geopfert.

Wahlers wird von seinem Freund und Autohändler Wolf Warncke begleitet, der ihn schließlich vom Elektroauto überzeugte. Bei ihm hat Wahlers den E-Golf bstellt. Warncke führt gemeinsam mit seinem Bruder in Tarmstedt (in der Nähe von Worbswede) ein VW-Autohaus [http://www.autohaus-warncke.de]. Warncke kümmert sich besonders um die Elektromobilität. "Den alternativen Antrieben gehört die Zukunft", sagt der 54-jährige. Die Sorge um Klimaschutz und Ressourcenschonung treibt ihn um . Deshalb trommelt der Händler seit Jahren auch für das E-Auto, obwohl ihn hier die Überzeugungsarbeit bei den Kunden viel mehr Zeit koste als etwa bei herkömmlichen Fahrzeugen. Er ist in der Region für sein Engagement bekannt - und hat seinen Bruder "dazu überredet, eine Schnellladestation auf dem Hof des Autohauses zu installieren. " Etwa 190 Neuwagen werden die Bruder in diesem Jahr verkaufen, darunter 20 E-Autos, kalkuliert Warncke. Das wären 10-mal so viel wie der Bundesdurchschnitt - und das auf dem platten Land. Wären alle deutschen Autohändler so rürig, hätte sich das Problem mit der Verkehrswende bald gelöst.

Er zeigt im Kleinen, wie sich Verkehrs- und Energiewende rechnen können

Nun hilft die Umweltprämie Warnckes Argumentation. Der alte Diesel seines Freundes landet in einigen Tagen bei Autoverwerter. "Der Verschrottungsnachweis eines alten Diesels ist die Voraussetzung, um die volle Umwelt- und Zukunftsprämie bei VW zu kassieren", betont Warncke.

Herr-Wahlers-und-sein-E-Golf

Von Januar bis Oktober 2017 wurden wesentlich mehr Dieselautos zugelassen als im gleichen Zeitraum 2O16.
Trotzdem ist das Elektroauto noch immer ein Nischenprodukt: Claus Wahlers (Bild) mit seinem E-Golf ist ein Pionier. © Stephan Floss für DIE ZEIT

Claus Wahlers lehnt sich entspannt im Zugsessel zurück. Zukunftsprämie? "11.760 Euro", sagt er. Sein mit neuester Technik ausgerüsteter Golf mit einigen
Extras wie einer Wärmepumpe hätte brutto gut 40.000 Euro gekostet. Zwar sei der staatliche Zuschuss schon eingerechnet, aber so konnte er die monatliche Leasingrate auf "258 Euro" drücken. "Netto." Ein gleichwertiger Diesel oder Benziner käme nicht billiger, sagt E-Auto-Fan Warncke.

"Trotzdem hätte ich es nicht gemacht ohne das Carsharing ", wirft Wahlers ein. Der geschäftstüchtige Diakon hat nämlich einen Deal mit einer seiner Mieterinnen auf dem zu einer kleinen Wohnanlage umgebauten elterlichen Bauernhof gemacht. Die Mieterin übernimmt einen Teil der Leasingrate und kann dafür den E-Golf immer dann nutzen, wenn Wahlers ihn nicht zur Fahrt an seinen Arbeitsplatz braucht. Auf den Dächern seines Anwesens hat er, vor Jahren schon, drei Solaranlagen installiert - als die staatlichen Subventionen noch garantiert waren. Zwei der Anlagen speist er "für gutes Geld" ins Stromnetz des Energieversorgers EWE ein, die dritte liefert den Strom für den Eigenbedarf - und das Laden des E-Autos. Wahlers mag kein typischer Käufer sein, aber er zeigt im Kleinen, wie sich Verkehrswende und Energiewende rechnen können.

Leipzig. Umstieg in den Regionalexpress nach Dresden. Fast fünf Stunden sind Wahlers und Warncke schon unterwegs. Von Müdigkeit keine Spur. Richtig aufgekratzt sind die beiden. Sie sind gespannt auf die "Gläserne Manufaktur" von Volkswagen, in der der E-Golf vom Band läuft. Ein VW-Multivan holt sie vom Bahnhof ab.
Wahlers hat eines der "Pakete für Selbstabholer" gebucht, die der Autobauer anbietet. "Das günstigste für 400 Euro", sagt Begleiter Warncke. Erster Programmpunkt: Führung durch die Gläserne Manufaktur. Schon von außen beeindruckt der Vorzeigebau moderner Industriearchitektur das Duo - 27.500 Quadratmeter Glas machen was her. Drei E-Ladesäulen stehen direkt vor dem Eingang. Und drinnen erst. Indirektes Licht und durchgehend Böden aus hellem Stäbchenparkett.
Eine junge VW-Mitarbeiterin führt ein gutes Dutzend neugierige Besucher durch die Produktion. Wer kein Auto abholt, muss sieben Euro dafür bezahlen. In 14 Sprachen finden Führungen statt. 70 Führer schleusen täglich rund 450 Neugierige durch die Zukunftsfabrik. Die Monteure sind ganz in Weiß gekleidet, lautlos bewegt sich die das Band mit den Karosserien vorwärts. Das Tempo ist gemächlich, gerade mal 35 E-Golf pro Tag laufen derzeit hier vom Band. Die fertig lackierte Karosserie und die meisten Teile für den Stromer werden aus dem Stammwerk in Wolfsburg angeliefert. In Dresden wird nur endmontiert.

"Man fühlt sich eher wie in einem Wohnzimmer als in einer Fabrik", sagt Claus Wahlers, "klinisch sauber, kein Ölgeruch, und diese Stille." Er bleibt vor einem Golf-Fahrwerk stehen, auf dem schon die große Batterie, in Alufolie isoliert, montiert ist. "Sieht ein bisschen improvisiert aus, wie eine Bastelarbeit", moniert Wahlers. Er hat schon mal das Modell eines Tesla inspiziert, da lag das Batteriepaket schön flach auf dem Wagenboden. Doch der Golf wurde ja ursprünglich für die Verbrennungsmotoren konstruiert, da mussten die Konstrukteure der E-Version mit dem vorhandenen Platz auskommen. Bei den künftigen Elektromodellen von VW sähe das auch anders aus, sagen die VW­ Leute.
Samstag zehn Uhr. Claus Wahlers wird schon von Kundenbetreuerin Manuela Köhler im eleganten blauen Hosenanzug erwartet. Auftritt E-Golf. Lautlos öffnen sich die Türen des runden Aufzugs. Das Ganze erinnert an einen Starauftritt in einer Fernsehshow. Frau Köhler fährt den weißen Golf aus dem Aufzug, nur ein leises Knarzen der Reifen auf dem Parkett ist zu hören. Wahlers setzt sich ans Steuer, die Betreuerin daneben. Fast eine halbe Stunde lag erklärt sie ihm die technischen Finessen des Autos, das neue Infotainment-System, die App für die Ladestationen, die vielen Assistenzsysteme.
Eigentlich brauche er gar keine Einweisung, hatte Claus Wahlers vorher gesagt, jetzt ist er sichtlich begeistert. "Total geil, dieses ganze Ambiente." Zum Schluss begleitet ihn Manuela Köhler noch bei der "Verbrauchsoptimierungsfahrt". Wahlers tritt beherzt aufs Gas-, äh, Strompedal. "Geht richtig gut", befindet er, vom Motor ist nichts zu hören. Schließlich hat der neue E-Golf jetzt 136 PS, der Vorgänger hatte nur 115. Wenn er vom Gas geht, gewinnt das Auto Energie zurück und bremst sich dabei ab.
Noch ein kleiner Imbiss im schicken Restaurant der Gläsernen Manufaktur. Währenddessen wird der weiße Golf vor der Tür nochmals geladen.

Um 14 Uhr bricht das Abholer-Duo auf: Ziel Bülstedt. Acht Stunden später sind sie angekommen, Sturmtief Herwart hat ihnen kräftigen Gegenwind beschert.
Viermal haben sie auf der 500-Kilometer-Strecke an Schnellladestationen nachgetankt, dreimal kostenlos. Es wäre wohl mit einem Stopp weniger gegangen, aber ein bisschen Reichweitenangst fuhr doch mit: Wahlers hat gerne "immer 100 Kilometer Restreichweite" auf der Anzeige. Drei Ladekarten hatten sie dabei, zur Sicherheit, weil es keine Chipkarte für ganz Deutschland gibt. Mit dem Diesel hätte das Duo wohl zwei Stunden weniger gebraucht. Doch Claus Wahlers meldet aus Bülstedt nach seiner ersten Langstreckenfahrt: "Es hat Spaß gemacht."

Im Monat Oktober stieg der Absatz an Elektro-Pkw in Deutschland im Vergleich zum Vorjahresmonat um 86,8 Prozent. Die Anzahl der Diesel-Pkw fiel um 17,8 Prozent. Ist das schon die Wende? Insgesamt wurden im Oktober gut 270.000 Autos mit Verbrennungsmotor zugelassen. Dem entgegen standen
2.180 Batterieautos.

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