Tschüss, Netz!

Tschüss, Netz!

Die private Energiewende gewinnt an Fahrt: Kellerakkus werden immer billiger. Damit wird es endlich wirtschaftlich, selbst produzierten Strom komplett im eigenen Heim zu verbrauchen. Ein Vergleich, was die verschiedenen Systeme können und Kosten.

Beruflich richtet Carsten Fischer Zähne und Gebisse. Privat frönt der Kieferchirurg vor allem einer Leidenschaft: Wärme und Strom für seine 200-Quadratmeter-Villa im münsterländischen Dülmen komplett selbst zu erzeugen. Und nicht nur das. Fischer will jede Kilowattstunde (kWh) auch selbst verbrauchen, etwa mit seinen beiden Elektroautos. Seit Kurzem weiß er: Sein großes Ziel, die totale Unabhängigkeit von den externen Energielieferanten dieser Welt, hat er erreicht. Selbst jetzt im Winter ist er praktisch zu jeder Minute autark – dank Solaranlage, Kellerakku und einem auch Strom produzierenden Blockheizkraftwerk (BHKW). Den Anschluss an das örtliche Stromnetz besitzt Fischer nur noch zur Sicherheit „Ich habe nun alles in der eigenen Hand“, sagt der 46-Jährige und strahlt. „Das ist ein phantastisches Gefühl“.

Fischers Fall zeigt: Es ist für Hausbesitzer keine Utopie mehr, ihr eigener Energieversorger zu werden.Die notwendige Technik steht in vielen Varianten bereit – und wird allmählich bezahlbar. Doch bisher kosteten die Geräte so viel, dass sich die Investition kaum zurückverdienen ließ. Das ändert sich gerade. Hauptgrund: Die kostspieligen Hausakkus, unverzichtbares Element der Autarkie, werden rasch preiswerter. Mit ihnen können die Käufer auf einen Schlag doppelt so viel Strom etwa aus Solarzellen selbst verbrauchen als ohne, so die Faustregel. Denn die Speicher retten den mittags reichlich vorhandenen Sonnenstrom bis in die Nachstunden hinein. Die besonders leistungsfähigen Lithium-Ionen-Akkumulatoren haben sich vergangenes Jahr beispielsweise um rund neun Prozent verbilligt. Das ergibt eine Analyse der Bonner Marktforscher EuPD Research. Durch den Preisrutsch verkürzen sich die Amortisationszeiten der Hauskraftwerke erstmals auf überschaubare Zeiträume. Zu diesem Ergebnis kommen jedenfalls die Fachleute der Düsseldorfer Energieagentur NRW. Sollten die Energiekosten wieder steigen, was die meisten Experten erwarten, werden sich die Anlagen sogar noch schneller rechnen.

Der Staat hilft mit

Die Berater der Energieagentur haben ermittelt, welche Summe potenzielle Eigenversorger in ihr Hauskraftwerk investieren müssen, wie unabhängig sie mit dem jeweiligen System werden und in welchen Zeiträumen es sich rechnet. Im günstigsten Fall, so zeigt sich, ist das bereits nach gerade einmal elf Jahren der Fall – bei einem Autarkiegrad von immerhin 80 Prozent. Dazu müssen Do-it-your-self-Fans eine Photovoltaikanlage mit einer Wärmepumpe und einer Lithium-Batterie kombinieren. Was rund 34.000 € kostet. Und den Akku mit einem Kredit der staatlichen KfW-Bank finanzieren. Diese bezuschusst darüber hinaus jedes Kilowatt (Kw) Leistung des solaren Dachkraftwerks mit 600 Euro.
Laut Energieagentur-Experte Sven Kersten ist diese Variante besonders für exzellent isolierte Gebäude mit niedrigem Heizbedarf geeignet. Den kann dann allein die Wärmepumpe decken, bevorzugt angetrieben mit dem Strom vom Dach.
Wer fast komplett Selbstversorger werden will, schraubt sich zusätzlich ein Windrad aufs Dach. Das liefert im Winter, wenn die Sonne sich rar macht, zusätzlichen Strom. Oder er kauft eine Brennstoffzelle oder ein Mikro-BHKW dazu. Die größere Autonomie hat aber ihren Preis. Käufer müssen für die Systeme mehr als 40.000 Euro hinblättern, zeigen die Musterrechnungen der Energieagentur. Berater Kersten warnt vor Schnellschüssen. „Welche Lösung zu welcher Immobilie passt und sich am ehesten rentiert, muss der Besitzer in jedem Einzelfall prüfen“. Die Aufstellungen, betont er, seien nur als Orientierungsgrößen zu verstehen. Tatsächlich ist es alles andere als einfach, sich rund um die Uhr mit selbst erzeugtem Strom zu versorgen. Das fängt damit an, dass die Solarzellen auf dem Dach zwar um die Mittagszeit oft mehr Elektrizität liefern, als im Haus gebraucht wird. Morgens dagegen, wenn die Bewohner Kaffeemaschinen und Toaster einschalten, oder abends, wenn sie ihre Computer starten und Fernsehen schauen, tendiert die solare Ausbeute gegen null.

Elektroautos retten die Bilanz

Mit diesem Missverhältnis zwischen Angebot und Nachfrage hatte auch Fischer zu kämpfen als er das 1994 erbaute Eigenheim 2008 mit seiner Ehefrau bezog. Zunächst setzte er eine Solarthermieanlage aufs Dach. Der Kollektor füllt ihm einen Speicher im Keller mit warmem Wasser fürs Heizen und Duschen, sobald die Sonne hervorlugt. Die liefert ihm seit 2010 über eine PV-Anlage auch Elektrizität – rund 7.600 kWh im Jahr. Gut 5.000 kWh mehr, als das Ehepaar und sein Kind verbrauchen – das war ein Problem. Denn der Arzt wollte ja sämtlichen Strom selbst nutzen, statt ihn zu Verkaufen. Also installierte er im Herbst 2013 eine Lithium-Batterie im Keller. Sie fasst nahezu 14 kWh – genug um die Familie zwei Tage mit Strom zu versorgen. Da die Sonne aber ausgerechnet im Winter, wenn die drei besonders viel Energie benötigen, wenig scheint, schaffte Fischer schließlich im März 2014 auch noch ein kleines Blockheizkraftwerk an. Es verbrennt Biogas und produziert zu jeder gewünschten Zeit zugleich Strom und Wärme. Seither kann er seinen Bedarf im Zusammenspiel aller Komponenten zu jeder Sekunde decken. Für seine Unabhängigkeit musste der Arzt tief in die Tasche greifen. Insgesamt 76.000 Euro hat er Investiert: 8.000 Euro in den Kollektor, 30.000 Euro in die Solarzellen, 20.000 Euro in die Batterie und 18.000 Euro in das BHKW. Und um allen Strom selbst zu nutzen hat er auch noch zwei Elektroautos gekauft, einen Tesla S und einen Opel Ampera. Deren Akkus er mit dem selbsterzeugten Strom lädt. Und ist die Technik nicht kompliziert und Störungsanfällig? Der Familienvater verneint das. „Das System steuert sich selbst“, erläutert er. „Das ist sehr komfortabel“. Über seinen Tablet-PC wird Fischer beispielsweise der Füllstand der Batterie sowie aktuelle und historisch produzierte Strommengen angezeigt. Auch der Verbrauch einzelner Haushaltsgeräte ist hieraus ersichtlich. „So gut wusste ich noch nie bescheid“, sagt Fischer. Vor allem aber genießt der Arzt das Gefühl, nicht mehr den Kapriolen der Energieversorger ausgeliefert zu sein. Und einen Beitrag zum Klimaschutz leisten zu können. Die Frage der Wirtschaftlichkeit rangiert für ihn erst dahinter. Spitz gerechnet hat Fischer daher noch nicht. Aber überschlägig ist er sicher, dass sich seine Investition auch finanziell auszahlt. Schließlich vergütet ihm der Staat in seinem Fall per Erneuerbare-Energien-gesetzt (EEG) jede selbst genutzte kWh mit rund 22 Cent. Und er braucht sie nicht beim Versorger einzukaufen, was ihm nochmals rund 27 Cent bringt. Das summiert sich zu einer Ersparnis von 4.000€ im Jahr. Auch weil er die Elektroautos der Familie an der heimischen Ladestation auftankt. Das Auf und Ab der Benzinpreise lässt ihn seither kalt.

Der Markt wird aufgemischt

Durch den starken Abfall der Einspeisevergütung, rechnet sich das Geschäftsmodell der reinen Einspeisung mittels PV-Anlage nicht mehr wirklich. Stattdessen streben die Hausbesitzer nach maximaler Selbstversorgung. Das mischt den gesamten Markt auf.
Neueste Solarpaneele produzieren Strom schon für rund zehn Cent, das ist ein Drittel dessen, was manches Stadtwerk für die kWh verlangt. Und selbst wenn Selbstversorger die Speicherkosten hinzurechnen, können sie nun erstmals billiger davonkommen – dank des Preisrutsches bei den Batteriekästen an der Wand. Es geht also vielmehr ums Einsparen als ums Verdienen. Ob Energieberater, Heizungsspezialisten wie Viessmann und Vaillant oder Solaranbieter wie Solarworld- alle bestätigen die Entwicklung. Der Leiter des Landesprogramms Zukunft Altbau in Baden-Württemberg, Frank Hettler, sieht den Autarkiedrang der Eigenheimbesitzer mit gemischten Gefühlen. Für ihn sind Maßnahmen wichtiger, die den Energieverbrauch minimieren. Also vor allem das Dämmen von Decken und Wänden. „Das hilft der Umwelt mehr“, sagt er. Doch auch eine solche Sanierung kostet viel Geld. Für ein altes Zweifamilienhaus werden gut 55.000 Euro fällig, haben Experten jüngst für die WirtschaftsWoche ausgerechnet. Vor die Wahl gestellt: dämmen oder Selbstversorgung, entscheiden sich viele für die Preisbremse im Keller. Sie hat einfach mehr Sex-Appeal. So ging es auch Kieferchirurg Carsten Fischer. Er hatte keine Lust, mit seiner Familie wochenlang auf einer Baustelle zu leben, während Handwerker sein Haus mit styroporplatten gedämmt hätten, erzählt er. Als an diesem trüben Januarnachmittag doch noch die Sonnenstrahlen durch die Wolkendecke dringen, springt Fischer unvermittelt auf. Er müsse schnell die Ladekabel an seine Elektroautos stecken, entschuldigt er sich. Die Batterie im Keller sei schon voll. Der Arzt ist nun eben auch Energiemanager.


Quelle:
WirtschaftsWoche Nr. 5 vom 26.1.2015, Dieter Duerand

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